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Christoph Joachim Abchiedstournè
22.August - 1. September

Christoph Joachims Abchiedstournè im Club69 konfrontiert uns mit Versatzstücken seiner bisherigen künstlerischen Produktion, die sich als ein ausuferndes Ganzes durch den Ausstellungsraum zieht. Joachim meint jedes seiner Bilder wäre für ihn gültig. Maler sprechen ja gerne von ihren gültigen und ungültigen Bildern. Maler meinen häufig ihre älteren Bilder wären ungültig. Auch neuere Bilder könnten nach einigem zeitlichen Abstand, nach der Überwindung der eigenen Betriebsblindheit, ihre Gültigkeit verlieren.
Christoph Joachim würde dazu sagen, dass seine Bilder in ihrer Gesamtheit nichts anderes als ein großangelegtes Scheitern sind. Dieses großangelegte Scheitern zieht sich jetzt wie Schimmel durch unsere Wohnung. Was scheitert ist seine Suche nach neuen Bildern, oder genauer: Seine Frage nach der Möglichkeit des Malers neue Bilder zu malen. So ertragen wir Joachims Fresse, die sich immer wieder in seinem schimmligen Scheitern wiederholt und sehen hinweg über seine Phantasielosigkeit. Christoph Joachim würde dazu sagen, dass ihm doch scheißegal ist, wie ich seine großangelegte Schimmelei finde. Er würde sagen, dass es ihm überhaupt scheißegal ist, wie irgend jemand ihn findet. Er würde sagen, dass er das macht was er will, dass er diese Arschlöcher, die hinter ihm stehen und ihn in die Schubladen zeigen, in die seine gebrauchten Unterhosen gehören.
Diese Abhängigkeit der Dinge. Da steht: "Der Herr wird nichts Angeln, ein Künstler der Sausewind, Bummel in Belgrad (darunter ist ein Fotoapparat abgebildet, der wie ein Panzer aussieht), erlöse mich." Das steht dort mitten in dieser Unübersichtlichkeit und es steht dort, weil es vorher woanders gestanden hat, weil es diese ganzen Jopachimfressen gibt, die es gibt, weil er sie gemalt hat, die nur deswegen dort sind, weil dieses riesige Malerego es so will, dass es so ist, weil er derjenige ist, der entscheidet. Und er ist der einzige Betrachter, der wichtig ist. Dass es sich bei diesen Fressen, die ja zugegebener Maßen immer unterschiedlich aussehen, um Selbstportraits handelt (bei den meisten zumindest), ist Interpretation.
Warum stellt dieser Christoph Joachim aus? Weil er aus sich herausgefallen ist. Nicht transportfähig! Weil er ein Auswuchs ist, der sich selber wahrnimmt, wie er plötzlich ausartet. Weil er selbst nicht mehr zutrifft und irgendwo sein Getue und Gewürge bleiben muss, so überdeutlich und grell, dass er auf kein einziges Bild wirklich ausweichen konnte, mit dem er vergleichbar wäre. Er ist, wie er hier ist, etwas Geiles, Obszönes, Unangebrachtes und durch und durch Anstoßerregendes.
"Christoph, es ist doch pure Eitelkeit, dass du versuchst uns dermaßen zu maßregeln!" Und die Schlussfolgerungen? Für Joachim spielte es sich ein: überall sieht er Aufforderungen: das eine zu tun, das andere nicht zu tun. Alles um ihn ist formuliert... und es wiederholt sich. Und jetzt? Der Maler Christoph Joachim wird sich hoffentlich für uns in den Mund greifen, sich vorne die Zähne herausbrechen, an seiner Zunge zerren, sie herumschrauben bis sie abreißt, dann noch tiefer in den Rachen fassen, den Kehlkopf packen, die Knorpel und Stimmbänder zerdrücken und mit diesem blutigen Schlamm gurgeln. Wir werden dann sagen, er habe sich ins Private zurückgezogen, während er doch gerade diese Zuflucht sich nimmt, ja sogar das letzte Gehäuse des Eigenen unbewohnbar macht. - Marcel Hiller, 22.08.2008

gfd